Interview mit dem Prähistoriker Dr. Tobias Springer

By Bogner Manuel|Mai 16, 2017|Interview|0 comments

Oberkonservator und Leiter der Abteilung Vor- und Frühgeschichte am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, 1990 bis 2016

Dr. Springer vor dem Goldkegel von Ezelsdorf–Buch, der Kopfbedeckung eines Priesters im bronzezeitlichen Sonnenkult, ca. 10./9. Jh. v. Chr. Das Exponat ist ein Highlight in der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums.

Herr Dr. Springer, wir haben uns gerade die Vor- und Frühgeschichtliche Abteilung des Germanischen Nationalmuseums gemeinsam angesehen und Sie sprachen dabei auch von der exotischen Wirkung der Archäologie. Wie abenteuerlich, verglichen mit Indiana Jones, ist denn Ihre Arbeit?

Die Indiana Jones Filme sind schon sehr reißerisch gemacht und haben wenig mit der eigentlichen archäologischen Arbeit zu tun. Ich erinnere mich gerne an unsere Ausgrabungen auf dem Monte Sacro im Gargano, in Italien, 1987 bis 1992. Wir sind vom Fuß des Berges auf schmalen Pfaden jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang ca. 45 Minuten mit Packeseln auf einen 876 m. ü. NN. hohen Berg gestiegen, um dort die Ruinen eines Benediktinerklosters zu untersuchen. Ausgebaute Wege und befestigte Straßen zum Gipfel gab es keine. Durch Gestrüpp, Wald und über Felsen stiegen wir auf den Berg. In den Steinhaufen der verstürzten Mauern dort oben, sahen wir hin und wieder auch schwarze Vipern, Skorpione und ähnliches Getier – man musste schon aufpassen. Aber ein Erlebnis, als eine Windrose über die Grabungsfläche fegt und unsere ganzen Grabungsutensilien gut 20 Meter hoch riss und alles durcheinander wirbelte, war schon sehr abenteuerlich. So unheimlich wie das war, blieben spukige Interpretationen nicht aus. Ich erinnere mich auch an eine Bande Jugendlicher, die uns wichtige Arbeitsgeräte entwendete. Wir mussten dann schauen, dass wir über die Repräsentanten der Gemeinde wieder an diese Geräte kamen und erreichen, dass die Burschen sie wieder abliefern. Das, was hingegen die Archäologie eigentlich ausmacht, finden wir in solchen Episoden nicht.

Warum weckt man dann solche abenteuerlichen Vorstellungen über die Archäologie wie bei Indiana Jones? Und warum beschäftigt man sich denn mit Archäologie, wenn es nicht das Abenteuer ist?

Wir leben ja in einer sehr modernen Welt. Unsere Großeltern und Urgroßeltern kannten zum Teil noch bäuerliche Verhältnisse, die sehr viel näher an der Lebensweise in vorgeschichtlicher Zeit waren. Aber selbst für sie wären Formen, wie sie in den bei Grabungen gefundenen alten Dingen begegnen, ungewöhnlich und seltsam. Außergewöhnlich ist alles Fremde und Exotische und solange es irgendwelche Geheimnisse gibt, werden Menschen versuchen, diese Geheimnisse zu lüften. Das geheimnisvolle Unbekannte ist und bleibt ein Faszinosum.

Diese Faszination erklärt dann mitunter auch eine zunehmende Anzahl von Raubgrabungen und den Markt für raubgegrabene Funde?

Leider. Es gibt sehr viele Leute, die fasziniert sind von diesen alten Dingen, die aber zugleich auch wissen, dass sie für solche Funde Geld bekommen können und sich deshalb mit einem Metalldetektor bewaffnet, auf die Suche machen. Der Mann, der über einen frisch gepflügten Acker wandert und etwas findet, ist uns kein Dorn im Auge. Aber organisierte und fast professionelle Raubgräberei, das darf nicht sein. Gerade die Metallfunde, die auf Grund ihrer prägnanteren Gestaltung und ihres schnelleren Entwicklungsverhaltens, bessere chronologische Indikatoren sind, fehlen, wenn man eine solche Stelle später archäologisch untersuchen will. Wenn alles datierende – die Metallfunde eben – fehlen, dann wird es für den Archäologen schwer.

Sie haben auch Ankäufe für das Museum getätigt, geprüft und diese auch organisiert?

Primär galt es die Sammlung zu verwalten. Ich habe anderen Wissenschaftlern Zugang ermöglicht und versucht, viel über diese Sammlung zu publizieren. Zudem habe ich Sonderausstellungen geplant, organisiert und eingerichtet – auch einige Male die Schausammlung unterschiedlich präsentiert. Natürlich habe ich versucht Dinge zu erwerben, aber dabei große Vorsicht walten lassen. Man will den Markt für Bodenfunde aus Raubgrabungen nicht durch Ankäufe „anheizen“.

Das Interesse an Bodenfunden aus Raubgrabungen ist nicht erst ein Phänomen unserer Zeit, wie z.B. Ausgrabungen in Ägypten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen. Objekte aus ägyptischen Gräbern wurden damals teilweise auch illegal und geheim nicht nur nach England überführt. Ägypten wurde vieler seiner Kulturschätze beraubt, diese gelangten in private Hände oder liegen heute in europäischen Museen.

Das waren natürlich noch ganz andere Zeiten.

Das gab es in Europa und in Deutschland natürlich in ähnlicher Weise zunächst auch. Aber um 1914 gaben sich die unterschiedlichen Länder in Deutschland Gesetze, worin sie sich verpflichteten, sich um die archäologischen Belange und die Bodendenkmale zu kümmern. Dies erfolgte nicht in allen Ländern zur gleichen Zeit, aber eben ungefähr um 1914. Es wurden spezielle Museen eingerichtet, um darin die Funde aus der Bodendenkmalpflege sachgerecht unterbringen zu können.

Zuvor war die Archäologie eine Sache, die jeder privat betreiben konnte.

Sie war das Interesse von Lehrern, Pfarrern, Apothekern. Die Gebildeten im Ort, haben sich mit den Hinterlassenschaften in ihrer Umgebung befasst. Sie nutzten den Sonntagnachmittag für ihr Hobby.

Nicht nur im Bereich der Lausitzer Kultur – eine bronzezeitliche Kultur, die sich im Gebiet zwischen Leipzig und Breslau erstreckt – kannte man als gesellschaftliche Spielerei, das „Urnenstechen“. Man verabredete sich mit „Kind und Kegel“, das Brotzeitkörbchen, und die Picknickdecke dabei. So ausgestattet zog man in ein Gebiet, von dem man wusste, da ist ein großes bronzezeitliches Brandgräberfeld. Dort grub man dann ein Loch in den Boden und schaute, ob man denn eine Urne fände. Nur das gut Erhaltene nahm man mit. Den Rest ließ man einfach zurück. Im Germanischen Nationalmuseum gibt es eine ganze Reihe derartiger Gefäße aus solchen Grabungen, aber das sind eben leider keine geschlossenen Funde. Charakteristisch für diese Gräberfelder ist es, dass um die Urne herum eine ganze Reihe weiterer Beigefässe gruppiert war, die den Toten als Behältnisse für Speisebeigaben mitgegeben worden waren. Auch innerhalb der Urne im Leichenbrand findet man Reste von Gefäßen und anderer Beigaben, die auf dem Scheiterhaufen mit verbannt wurden. Wenn man ein solches Grab sinnvoll archäologisch untersuchen will, dann benötigt man alle Fundgegenstände, den geschlossenen Fund, und nicht nur die schönen und ganz erhaltenen Gefäße. Vor allem braucht man aber eine exakte Funddokumentation.

Sind modernere Technologien, Software, Radar und Analysemöglichkeiten nicht eine Chance für die Archäologie – auch in der Rekonstruktion?

Sicher sind diese Technologien von großer Bedeutung. Es ist daneben wichtig, nicht nur technisch perfekte, sondern auch praktikable Möglichkeiten zu finden. Auch der Umstand, dass die Archäologie eine statistische und kartographische Wissenschaft ist, macht technische Lösungen erforderlich, schon aufgrund der Menge des Ausgegrabenen. Alle Dinge, nicht nur die besonders schönen, müssen erfasst werden. Je größer die zur Erstellung einer Statistik gegebene Datenbasis ist, desto aussagekräftiger und genauer wird das Ergebnis. Es gilt zu untersuchen: Wo gibt es was und wie viel davon?

Würden Sie sagen, die Vor – und Frühgeschichte liegt zu wenig im Fokus des gesellschaftlichen Interesses, obwohl sich durchaus eine nicht geringe Gruppe von Menschen dafür interessiert, wie auch an den Besuchern hier im GNM zu erkennen ist? Warum ist die Vor- und Frühgeschichte nicht so prominent präsent wie das Mittelalter?

Für den Stellenwert und die Wahrnehmung einer wissenschaftlichen Disziplin ist bereits die schulische Vermittlung ihrer Inhalte von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Schon zu meiner Schulzeit in den 60er und 70er Jahren wurden zunehmend Themen in den Schulstoff aufgenommen. Naturwissenschaftliche Inhalte haben und hatten dabei, im Hinblick auf deren späteren wirtschaftlichen Nutzen, den Vorrang. Geisteswissenschaftliche Inhalte, wichtig um das Leben und die Welt in der wir leben umfassend zu begreifen und auch genießen zu können, werden verdrängt. Es ist meines Erachtens falsch, die Vermittlung ehemals universitären Wissens in die Schule vor zu verlagern. Stattdessen sollte versucht werden, einen möglichst umfassenden vielfältigen Grundstock des Wissens beizubehalten und den Kindern die Techniken des Lernens nahe zu bringen.

Um Inhalte geht es natürlich auch dabei, aber man sollte vermeiden die Spezialisierungen des Stoffes auf die Entwicklungsphase des frühen, lebensprägenden Lernens zu verlegen. Wenn jemand seinen schulischen Abschluss, zum Beispiel das Abitur, erreicht hat, bleibt ihm oder ihr immer noch die Möglichkeit, sich erst dann rasch und gut zu spezialisieren. Es ist für alle Menschen wichtig, die Welt umfassend kennenzulernen und dabei vielleicht auch die Archäologie.

Ein Mensch muss zum Beispiel auch über eine Blumenwiese gehen können und mehr von ihr begreifen als „das Blümchen ist aber schön rot“. Er sollte vielleicht auch noch erkennen können, dass das rote Blümchen z.B. eine kleine Nelke ist, verwandt mit den gezüchteten Nelken, die man im Blumenladen kaufen kann. Vielleicht auch, dass die getrockneten Blütenstände der Gewürznelken, die u.a. gegen Zahnschmerzen helfen, vom ursprünglich auf den Molukken beheimateten Gewürznelkenbaum stammen.

Derartige Kenntnisse, die für das Begreifen der Welt wichtig sind, müssen primär vermittelt werden. Die Menge universitären Wissens steigt durch Zuwachs ständig. Der Versuch dieses Wissen bereits in der Schule zu vermitteln, sollte nur mit größter Vorsicht unternommen werden. Die Zeit, die für den Geschichtsunterricht bleibt, wird dadurch immer kürzer und der Lernstoff gestrafft und gedrängt. Den Lehrern fehlt die Zeit in die Tiefe zu gehen und auch Details der alten Geschichte im Unterricht zu behandeln. So bleibt für Schulklassen oftmals auch keine Zeit, den Weg von der Schule in das Museum zu finden.

Es geschah leider auch, dass es Lehrer versäumten, vor dem Museumsbesuch ihre Klasse ausreichend vorzubereiten, sodass die Schüler letztlich kaum einen Gewinn davon hatten. Wenn ich eine Schulklasse nur abstelle und sage, „jetzt seht euch mal an, was dort in der Vitrine ist“, bringt das natürlich nur wenig. Ein Museumsbesuch muss vor– und nachbereitet sein. Das KPZ (Kulturpädagogische Zentrum) bietet Führungen speziell für Schulklassen an, jedoch ist auch hier eine gewisse Vorbereitung durch den Lehrer erforderlich.

Woher bezieht denn der Laie sein Wissen über Archäologie?

Eine große Breitenwirkung haben Fernsehsendungen. Es wird immer wieder etwas über die Römer am Limes, die Varusschlacht und über die Völkerwanderung berichtet.

Auch interessante Filme – sogar im Kino – hat es über die Steinzeit bereits gegeben. Ich erinnere mich an meine Studienzeit. Damals lief gerade der Film „Am Anfang war das Feuer“, ein auch sprachlich sehr interessanter Film. Lautmalerisch ist von den Schauspielern eine Sprache gesprochen worden, die keinerlei Grundlagen mit einer modernen Sprache hat, dennoch hatte man das Gefühl begriffen zu haben, was gesprochen wird. Interessant war, dass man Lautfolgen gefunden hat, die man wie eine Sprache empfinden kann.

Tobias Springer. Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums

Wir hoffen natürlich auch, dass archäologische Ausstellungen in den Museen und alle archäologischen Publikationen eine gewisse Breitenwirkung entfalten. Vielleicht gilt das ja auch für meine beiden 2014 und 2015 erschienenen Bücher „Vorgeschichte“ und „Frühgeschichte“, in denen ich versuche, die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums von der Stein– bis zur Karolingerzeit in ihrem kulturhistorischen Kontext darzustellen.

Lernt der Gymnasiast, der Realschüler, oder auch der Hauptschüler während seiner Schuljahre viel über die Disziplinen Archäologie und Geschichtswissenschaften?

Oberflächlich werden diese Themen – je nach den Möglichkeiten der Lehrkraft – zwar angesprochen, aber das eigentliche Wissen um die Disziplinen der Altertumswissenschaften und dazu zählt auch die Archäologie, bleibt auf der Strecke.

In die Details zu gehen, erfordert natürlich auch für den Archäologen Spezialisierung.

Der Zeitraum, den ich hier im Museum als Einzelner zu betreuen hatte, vom Paläolithikum bis zur Karoliner Zeit und darüber hinaus bis zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, entspricht, wenn man die betreffenden universitären Spezialisierungen betrachtet, mindestens vier einzelnen Disziplinen. Der Spezialist für das Paläolithikum wird sich weniger gut im frühen Mittelalter auskennen und der Spezialist für Römerzeit vielleicht nicht unbedingt gut in den vorgeschichtlichen Metallzeiten.

Es gibt innerhalb der archäologischen Wissenschaften diverse Spezialisierungen und Archäologien. Während die klassische Archäologie mehr im Sinne einer antiken Kunstgeschichte forscht, betreibt die vorderasiatische Archäologie bis zu einem hohen Grad Sprachwissenschaft; ähnlich wie die Ägyptologie. Man erkennt große Unterschiede. Archäologie ist nicht gleich Archäologie.

Es gibt auch Meeresarchäologie, ist das zum Beispiel auch ein Zweig der Archäologie?

Bei diesem Begriff geht es mehr um die Bedingung, der Forschung im Wasser, aber daran sind natürlich die bereits an Land geübten Archäologien geknüpft.

Berge ich ein Schiff mit Fracht aus der klassischen Antike, dann ist das eben klassische Archäologie. Bei einem Schiff mit Fracht aus einer der römischen Provinzen, geht es wohl eher um provinzialrömische Archäologie.

Was denken Sie, ist die Aufgabe der Archäologien in der Gesellschaft und wie verhält sich die Politik dazu?

Alle historischen Wissenschaften versuchen der kollektiven Amnesie, dem Gedächtnisverlust entgegen zu wirken und den Verlust unserer Erinnerung an die lange Vergangenheit der Menschheit zu lindern. Man kann die Menschheit als einen Organismus betrachten. Vergleicht man diesen mit einem einzelnen Menschen, so befindet er sich in einer ähnlichen Situation, wie eine Person, die sich, z.B. durch einen starken Schlag auf den Kopf, ihrer Vergangenheit nicht mehr oder nur noch ganz dumpf entsinnt. Man braucht sich nur vorzustellen, wie es für einen einzelnen ist, wenn ihm so etwas widerfährt.

Für die gesamte Gesellschaft verhält es sich ganz ähnlich – wenn wir nur unsere Gegenwart kennen, verlieren wir jegliche Orientierung. Wir können auch nicht mehr die Leistung einschätzen, die darin bestanden hat, den momentanen Zustand überhaupt zu erreichen. Unsere jetzige Welt gewinnt an Wert, wenn wir die zeitliche Tiefe erkennen, wenn wir wissen, woher wir kommen. Das gemeinsame Bestreben aller historisch bemühten Menschen dient dazu, dieser kollektiven Amnesie entgegenzuwirken.

Der einzelne Bürger nimmt diese Leistung selten direkt wahr. Ihr Fehlen würde erst bemerkbar, wenn archäologische und historische Forschungen nicht fortgesetzt würden. Das bestehende Wissen würde dann, ohne das Bemühen es zu präzisieren und zu mehren, degenerieren und ginge verloren. Selbst Naturvölker pflegen ihre geschichtlichen Traditionen durch mündliche Weitergabe. Der Grad unserer Zivilisiertheit ist auch im Spiegel unserer Anstrengungen um die Kenntnis unserer Vergangenheit erkennbar.

Unser Wissen über die ältesten Zeiten ist natürlich am geringsten. Aus diesem Grund müsste man dafür eigentlich noch viel mehr Mittel, Zeit und Kraft aufwenden. Die für die Erforschung der ältesten Zeiten wichtigen Quellen sind besonders gefährdet, weil sie viel länger in ihrer Vergänglichkeit der Erosion und Sonstigem ausgesetzt waren. Aber auch Bodenfunde aus jüngeren Perioden, deren Hinterlassenschaften auf dem freien Feld liegen, sind sehr stark bedroht. Pflüge reißen die Dinge aus dem Boden. Die Düngung versauert die Böden. Huminsäuren, verstärkt durch sauren Regen, greifen deutlich erkennbar die Objekte an. Wenn wir aus demselben Gräberfeld zu verschiedenen Zeiten, um 1910 und um 1980, geborgene Objekte vor uns haben, dann sind die von 1980 in einem viel schlechteren Zustand. Eklatant viel schlechter, als die 70 Jahre früher um 1910 geborgenen, obwohl alle aus einem Gräberfeld des 6. und 7. Jahrhunderts n. Chr. stammen. Eigentlich müsste für die Qualität der Erhaltung der Alterungszeitraum insgesamt ausschlaggebend sein und nicht die letzten 100 Jahre. Durch unser Eingreifen in die Welt, haben sich die Erhaltungsbedingungen für archäologische Gegenstände sehr verschlechtert.

Wie werden denn Forschungs- und Grabungsmittel eingesetzt?

In Städten steht meist weit mehr Geld für archäologische Zwecke zur Verfügung als auf dem Lande, weil dort auch die Bautätigkeit höher ist. Es ist kaum zu kontrollieren, ob und wie sehr eine archäologische Fundstelle auf einem Acker im Laufe der Zeit durch Pflug und Erosion zerstört wird. Allenfalls bei großen Straßenbauprojekten, wenn Pipelines gebaut oder neue ICE-Trassen und Kanäle angelegt werden, wenn so hohe Mittel aufgewandt werden, dass damit auch die Archäologie noch ein bisschen „abgespeist“ werden kann, sind großflächige Untersuchungen auch auf dem Land möglich. Verglichen mit den staatlichen oder auch privaten Gesamtaufwendungen für solche Projekte, sind das meist ziemlich minimale Beträge. Trotzdem versucht man gerade dort zu sparen.

Wieso wird denn im Bereich Archäologie überhaupt so gespart?

Archäologische Untersuchungen erfordern Zeit und hemmen des Öfteren Bauvorhaben, wenn es versäumt wurde, ihre Notwendigkeit rechtzeitig zu ermitteln. Meist wird rasch und früh genug gehandelt, um die Verzögerung eines Bauvorhabens zu vermeiden oder gering zu halten. Dennoch wird eine Grabung immer wieder als Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung wahrgenommen. Ihre Bedeutung zur Rettung der Bodenfunde, für die Allgemeinheit wichtige historische Quellen, gerät ins Hintertreffen, obwohl der Staat verpflichtet ist, dem Schutz und der Dokumentation der Bodendenkmale nachzukommen.

Ganz einschneidend war die Entwicklung der Bayerischen Bodendenkmalpflege während der Amtszeit von Edmund Stoiber, der von ihm ausgehende Sparzwang hat dazu geführt, dass Landesämter der Bodendenkmalpflege schließen mussten. So wurde die Außenstelle des Landesamtes für Bodendenkmalpflege für Unterfranken, in Würzburg, geschlossen und mit der für Oberfranken, in Schloss Seehof bei Bamberg, zusammengelegt. Dadurch entstand ein, wegen seiner Größe kaum mehr kontrollierbares, Zuständigkeitsgebiet. Eigentlich sollte aber jeder Regierungsbezirk seine eigene Bodendenkmalpflegestelle haben. So hat man, zum Teil mit Erfolg, auch versucht, die Ämter in Nürnberg und Augsburg zusammenzulegen. Das sind Dinge, die eigentlich unmöglich und unnötig sein sollten; die aber reg

elrecht politisch erpresst wurden. Man demonstrierte damit den rigorosen staatlichen Sparwillen. Diesen Sparzwang gibt es heute offenbar, wenn man auf viele andere Dinge schaut, nicht mehr. Viele Bereiche in Deutschland wurden „niedergespart“. Ich bin kein Politiker, aber beispielsweise fällt mir dabei die verringerte Hilfe bei der medizinischen Versorgung von Kranken ein. Bezeichnend sind die 10 Euro Arztgebühr. Ärmere und ältere Menschen waren davon stark betroffen. Die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr war auch Ausdruck dieses Sparzwangs und führte zu einem Lehrermangel. Nicht einmal die Brücken hat man ausreichend saniert und jetzt, so scheint es, wäre plötzlich wieder Geld da.

Zumindest war es jetzt erstaunlicher Weise möglich, wenn auch nur unter Mitwirkung vieler privater Helfer, die Flüchtlingskrise wenigstens teilweise zu stemmen und auch deren Folgelasten zu tragen, angeblich ohne dafür die Steuern erhöhen zu müssen.

Die Wurzel der Flucht so vieler Menschen aus ihren Heimatländern in Afrika usw. ist ja zum großen Teil auch historisch begründet und wir waren daran nicht unbeteiligt.

Ja, natürlich. Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der Vergangenheit. Grundlegende Fehler waren schon die, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, vorwiegend durch die französischen und britischen Kolonialherren getroffenen, völlig willkürlichen Grenzziehungen im Nahen Osten und in Nordafrika. Auf dem Schreibtisch hat man damals einfach mit dem Lineal irgendwelche Grenzlinien gezogen, ohne auf die dort lebende Bevölkerung, deren notwendige Ressourcen und traditionelle Fernbeziehungen zu anderen Kulturgruppen, Rücksicht zu nehmen. Dies und anderes mehr hätte man in die Überlegungen zur Grenzziehung einbeziehen müssen, das aber ist nicht geschehen.

Weiter waren das Eingreifen in Afghanistan und, lediglich wegen des Erdöls, im Irak unverzeihliche Fehler. Nur durch westliche Waffenlieferungen sind die Kämpfe in diesen Gebieten überhaupt erst möglich geworden. Eine einheimische Waffenindustrie gibt es in diesen Ländern bislang nicht. Der letzte große Fehler lag darin, dass man den Flüchtenden aus Syrien nicht vor Ort entschieden geholfen hat. Man hat die Hilfe für die Flüchtlingslager zum Teil sogar noch reduziert und damit die Welle erst ins Rollen gebracht. Auch jetzt wird noch immer nicht dafür gesorgt, dass den Gebieten, aus denen Flüchtlinge kommen, geholfen wird. Zunächst muss sich dort die Landwirtschaft und dann alle anderen Wirtschaftszweige stabilisieren können, ohne, dass Firmen aus der sog. Ersten Welt daran verdienen. Es stellt sich die Frage: Was nützen Politiker und Geheimdienste, wenn sie solche Entwicklungen nicht frühzeitig erkennen und präventiv handeln. Aber bei diesem Spiel geht es nicht um einzelne Menschen. Wirtschaftliche Interessen haben Vorrang.

Doch auch andere Erfahrungen, die man aus der Geschichte hätte gewinnen können, werden nicht berücksichtigt. Das römische Reich zum Beispiel hat in der Völkerwanderung auch Ähnliches erlebt.

Das Eindringen der germanischen Völker im späten 4. und 5. Jahrhundert in das Römische Reich, war letztlich auch eine Flucht vor Terror, nämlich vor den ab 375/376 von den Hunnen verbreiteten Schrecken. Wie man mit den Problemen damals umging, wie man versucht hat die Gefährder mit Geldzahlungen zu beschwichtigen – das Geld aber von diesen zu nichts anderem benutzt wurde, als aufzurüsten, lehrt die Geschichte.

Wie viele sind damals vor den Hunnen in das römische Reich geflohen?

Das ist schwer zu sagen, die Bevölkerungsdichte war damals insgesamt geringer und die noch wenig entwickelten Methoden der Landwirtschaft brachten weitaus geringere Erträge als heute. Im Laufe der Völkerwanderung verließen aber wohl mehrere Hunderttausend ihre Heimat. Es handelte sich nicht nur um die Goten. Auch Skiren, Heruler, Asdingen, Gepiden, Vandalen und andere Völker wurden mitgerissen.

Mit einer relativ hohen Zahl an Zugezogenen musste also auch die Bevölkerung im Römischen Reich fertig werden?

Wirtschaftsgrundlage war die Landwirtschaft. Grund und Boden zur Ansiedlung waren nicht frei verfügbar, sondern jemandes Besitz. Wenn sich dort Fremde ansiedeln wollten, hat das zu Einschränkungen der bereits Anwesenden geführt. Das ist sicher nicht ohne Gewalt von statten gegangen, denn die ursprünglichen Besitzer haben sich das gewiss nicht klaglos gefallen lassen. Mit der Situation war damals sicher sehr schwer umzugehen. Heute ist es vielleicht ein bisschen geregelter, aber auch wir sehen, dass zum Beispiel unsere Polizeikräfte nicht ausreichen, um allen Leuten den nötigen Schutz zu geben.

Wir sind politische Wesen. Wir sind keine Einzelgänger, wir sind abhängig von der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Unsere Gemeinschaften funktionieren in überschaubaren, nicht zu großen konstanten Gruppen leichter, als bei ständiger Bewegung im unbeständigen Austausch der Vielen, die dadurch zwar Anregungen und Bereicherungen erfahren, diese aber immer wieder auch verarbeiten müssen, um sich neu zu konsolidieren. Das ist keine leichte Aufgabe.

Wir haben jetzt zwar nicht ausschließlich von Archäologie gesprochen und sind dabei vom Hundertsten ins Tausendste gekommen, doch trotz einiger Abschweife konnten wir auch viele relevante Aspekte zum großen Thema Archäologie streifen. Ich danke Ihnen für die Zeit, die sie zur Beantwortung meiner Fragen fanden.

Herr Bogner, mein Dank gilt Ihnen. Ich freue mich über Ihr Interesse und hoffe, dass die Leser dieses Interviews auch einen kleinen Gewinn aus unserem bunten Themenbogen ziehen können.

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